Alfred Manthey: Wir sollten uns eine neue Heimat suchen!

 Liebe Freundinnen und Freunde im St. Georgius-Schützenverein, liebe Schwestern und Brüder im Glauben! 

Auf das St. Georgius-Schützenfest freue ich mich jedes Jahr, das kann ich gar nicht verbergen. In diesem Jahr gibt es noch eine Steigerung: Vor 50 Jahren wurde ich Mitglied im Schützenverein. Vor 50 Jahren habe ich zum ersten Mal den Glanz und den Zauber unserer besonderen Feierkultur erlebt und bin seitdem nicht mehr davon losgekommen. Es ist wie ein kleiner Rausch. Ich feiere also so eine Art „Goldhochzeit“ mit unserer Schützenfamilie. Ich will nicht sagen, dass es eine prickelnde Liebesgeschichte geworden ist. Es ist eher wie in einer normalen Beziehung: Wer die in Treue durchsteht, 50 Jahre lang, der kennt alles: den ganzen Zauber einer wunderbaren Beziehung, aber auch maue Zeiten, Funkstille, Durststrecken, Enttäuschungen, Versuchungen zum Seitensprung und besonders schlaflose Nächte … Aber in der Summe: Wunderbar! Am Ende kommt man einfach nicht mehr voneinander los: diese Oase der Freude, der Ausgelassenheit und der totalen Unvernunft. Gesünder geht es nicht! 

Manche Schützenfreunde denken vielleicht: Blas dich nicht so auf! 50 Jahre – das bist du nicht allein. Das haben schon ganz andere vor dir geschafft. Und viele unserer Mitglieder sind weit über 50 Jahre Mitglied im Verein, 60 Jahre und noch älter. Eine solche Treue ist wirklich aller Anerkennung wert. Aber verzeiht mir, ich muss heute einfach ein bisschen selbstbezogen reden, denn meine Schützengeschichte durch ein halbes Jahrhundert hindurch hat für mich – im Rückblick betrachtet – eine nahezu existentielle Bedeutung bekommen. Jochen Lohmeyer, lange ist es her, damals Offizier im Offizierskorps 

unseres Vereins – leider schon verstorben – hat mich für die Mitgliedschaft im Verein geworben. Und sofort, unverzüglich, ohne Umschweife wurde ich aufgrund einer situativen Unpässlichkeit von Thomas Stell, so möchte ich es einmal nennen, in eine tragende Offiziersrolle hineinkatapultiert: Ich wurde Adjutant. Diesen Offiziersdienst habe ich fast 10 Jahre bis zu meinen kirchlichen Weihen begeistert ausgeübt. Ich war zuständig für Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten, für Cherubinen und Seraphinen und nebenbei auch noch für den ganz normalen Dreck. Eine Rolle, die mir als angehender Theologe buchstäblich auf den Leib geschrieben war. Und wäre ich nicht nach 10 Jahren durch meine Diakonen- und Priesterweihe in ein himmlisches Offizierkorps eingetreten, ich würde diesen Dienst noch heute mit Leidenschaft ausüben. Darum freue ich mich schon auf Morgen, wenn unser Präsident oder sein Stellvertreter oder der Oberst oder wer sonst aus der obersten Heeresleitung mir die Goldene Ehrennadel an die Brust heften wird. Diese Zeremonie habe ich als Adjutant vor 50 Jahren und in den Jahren danach immer mit leuchtenden Augen verfolgt. Die silber- ergrauten ehrenwerten älteren Kameraden, im feinsten Zwirn durch ihre Frauen herausgeputzt, schritten feierlich die elegante Freitreppe zu unserem Schützenhaus hinauf – sozusagen in den Olymp. Dort warteten das Präsidium und die höchsten Offiziersränge auf die Jubilare. Mit festlichen Worten wurden die Ehrungen vollzogen. Nicht weit abseits, auf der Terrasse, hatten sich die Frauen der Jubilare an wunderbar gedeckten Tischen nieder gelassen und schauten der Zeremonie ergriffen zu. Nach der Ehrung wurden die Jubilare bewirtet mit besten Weinen und duftenden Zigarren, dem Blätterteig der rauchenden Genießer. Ich habe es mir gemerkt: Der Wein war eine erlesene Spätlese von der Mosel aus dem Sonnenjahr 1959 „Wehlener Sonnenuhr“. Mit diesem Kultwein hatte schon der legendäre Schauspieler Curd Jürgens in der berühmten Filmrolle „Des 

Teufels General“ von Carl Zuckmayer sein letztes Stündlein eingeläutet, bevor er sich mit seinem Flieger in die ewigen Jagdgründe hinabstürzte. Die Adjutanten, soweit sie funktionstüchtig waren, wurden als Ordonanzoffiziere für alle Bedürfnisse der ehrenwerten Herren abkommandiert. Das war für mich eine erhebende Dienstpflicht. Damals hatten wir Stil! Unser Haus glänzte und die gesamte Schützenfamilie war einfach eine „Upper class“ für sich. Großartig! Und dann mein erster erlebter Thron als Adjutant. Reinhard Tiebing und Mieze Franke hatten den Vogel abgeschossen und einen traumhaften Thron zusammengeführt. Die Bewirtung im Schützenhaus durch Ellen und Jupp Jungkamp – ich erinnere mich an eine erste Speisung im „Blauen Saal“, war wie so oft in adeligen Häusern: vornehm, die Räume etwas unterkühlt und das Fleisch eher zäh. Das Restaurant „Bahnhofshotel“ dagegen, damals eine empfehlenswerte Bocholter Gastronomie, lieferte zum Einstieg in den Krönungsball die gewünschte Wohlfühlatmosphäre. 

Das war 1967. Dann kamen die 68’er Jahre. Traditionsvereine schaffen es, ihre Zeremonien und Gebräuche über einen langen Zeitraum zu konservieren, aber unter der Decke regen sich längst die Signale, dass die Zeiten und damit die Lebensformen sich ändern. Mit vielen anderen habe auch ich den Wandel der folgenden Jahre miterlebt. Doch ich bin trotz vieler Veränderungen immer noch begeistert von dem Zusammenhalt unserer Mitglieder, vom generationsübergreifenden Miteinander, vom unbändigen Engagement unserer Offiziere und ebenso von der mühsamen Kärrnerarbeit unseres Vorstandes. Wer mitansehen konnte, was in den vergangenen Wochen und besonders in dieser Woche geleistet wurde, um aus dem Wildwuchs des dahinsinkenden Schützenhauses eine Festwiese werden zu lassen, der kommt aus dem Staunen nicht heraus. 

Unser St. Georgius-Schützenverein ist mir als Priester zu einem wertvollen Lebensort geworden. Hier mit Freunden und Freundinnen unbeschwert feiern zu können, das war und ist für die Psycho-Hygiene eines Seelsorgers immer noch die beste Vorsorge. Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! Das kann ein Priester in einer Gemeinde nur sehr selten erleben, weil viele Menschen leider mit allzu scharfen Augen auf ihre geistlichen Vorsteher schauen. In unserer Schützenfamilie habe ich immer gespürt, dass meine besondere Lebensform geachtet und geschätzt wird. Dafür bin ich allen sehr dankbar. Meine größte Freude war es, als 1982, nach dem Präsidentenwechsel von Carl-Ludwig Reygers zu Claus Roskamp, der schon seit längerem bestehende Wunsch verwirklicht wurde, unser Schützenfest am Samstag mit einem festlichen Gottesdienst in unserer Patronatskirche beginnen zu lassen. Seit 1982, also seit 35 Jahren, feiern wir den Jubelausbruch zum Schützenfest an diesem Ort. Und mit ganz wenigen Ausnahmen habe ich in diesen Jahrzehnten mit Euch gemeinsam diesen Gottesdienst feiern dürfen. Das ist eine wunderbare Erfahrung. Diese Erfahrung wird uns auch helfen, auf die kommenden Zeiten vertrauensvoll und zuversichtlich zugehen zu können. 

Leider kennt unsere jetzige Schützenzeit manche Problemzonen. Immer öfter höre ich ganz im Stillen die Melodie des alten Liedes: „Nehmt Abschied Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr. Die Zukunft liegt in Finsternis und macht das Herz uns schwer …“ Unser ehedem geliebtes Schützenhaus wird für mich und für viele andere immer mehr zu einem Fremdkörper – mit Brettern vernagelt und dem schleichenden Verfall ausgesetzt. Ich frage mich und Euch: Wie lange wollen wir das noch mit ansehen? Das ist doch längst nicht mehr ‚unser Haus‘! Dort können wir im Grunde schon lange nicht mehr unbeschwert feiern und froh sein. Dieses Haus, so wertvoll es für 

unseren Verein einmal war, es wird immer mehr zu einer Belastung für unser Miteinander. In nahezu allen Gesprächen sind wir nur noch fixiert auf diese Immobilie. Ich meine: Davon müssen wir wegkommen! Darum schlage ich vor, dass wir uns schleunigst von diesem Haus trennen und uns eine neue Heimat suchen. Einen Ort, ein Haus, klein aber fein, an dem wir in freier Lust unser Miteinander pflegen können. Ich bin sicher, dass uns das gelingen wird bei so viel Kreativität und Einsatzbereitschaft in unserer Schützenfamilie. Daher spreche ich uns allen mit dem Spirit meiner religiösen Erfahrung viel Mut zu: Vertraut den neuen Wegen! Nehmt Neuland unter Pflug! 

Jetzt aber wollen wir uns gemeinsam freuen auf eine fröhliche Auszeit in den kommenden Tagen! 

Amen. 

Pfarrer Alfred Manthey, Im Bollwerk 3, 46397 Bocholt

1 Antwort zu "Alfred Manthey: Wir sollten uns eine neue Heimat suchen!"

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    Manfred Rickert
    28. August 2017 (15:44)
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    Alfred hat sehr recht, dass wir wegkommen müssen von quälenden Diskussionen über das Schützenhaus. Das Drama um diese Immobilie kann uns entzweien – wo doch der Zusammenhalt und die frohe Gemeinschaft so wichtig für uns alle ist.
    Aber brauchen wir ein neues Haus, an einem anderen Ort? Ich meine nicht. Unser wunderschöner Schützenhaus – Garten ist einfach der ideale Ort für ein Schützenfest, das ja eine Freiluft-Veranstaltung ist und immer bleiben soll.
    Für die weiteren Festveranstaltungen des Schützenjahres, die üblicherweise in geschlossenen Räumen stattfinden, gibt es heute und erst recht in Zukunft Zelt-Lösungen, die von der Ausstattung und dem Komfort her keinen Vergleich mit einem Prunksaal scheuen müssen.
    Also: wir hoffen und setzen auf den neuen Saalbetrieb, den die Bürgerstiftung Bocholt schaffen will. Vermutlich noch in diesem Jahr stehen Entscheidungen an, ob das ehrgeizige Projekt verwirklicht werden kann. Dafür sollten wir kämpfen.
    Aber sollte alle Mühe am Ende vergebens sein: das Grundstück gehört uns dann immer noch – und wir erleben gerade in diesen Tagen wieder, wie toll sich dort feiern lässt – auch ohne Haus.
    PS. Dies ist kein Vorstands-Beitrag, sondern (nur) meine private Meinung.


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