Alfreds Predigt 2018 im Wortlaut und als Video

 Liebe Schützenkameraden, liebe St. Georgius-Schützenfamilie, liebe Schwestern und Brüder im Glauben! 

Eine ganze Woche gemeinsamer Feiertage liegt vor uns: Unser Schützenfest! mit kleinen Unterbrechungen zum Ausschlafen. Heute ist der Auftakt, traditionell mit diesem Gottesdienst in unserer Patronatskirche. Und wie immer ist es eine Freude, alle wiederzusehen: Die Majestäten mit ihrem Hofstaat, der Präsident mit dem Vereinsvorstand, der Oberst mit dem gesamten Offizierscorps, das Blasorchester aus Reken, die musikalischen Solisten Dr. Georg Dieckhues und Werner Hespe, und vor allem Sie, die große St. Georgius-Schützenfamilie und die Schwestern und Brüder der St. Georgs-Pfarrgemeinde. 

Einige schöne Tage in Ausgelassenheit und gemeinsamer Feierfreude gehören zum Leben dazu. Auch wenn manche aus unseren Reihen und vermutlich jetzt auch hier in der Kirche eher Traurigkeit im Herzen tragen, weil ein lieber Angehöriger gestorben ist oder Verwandte oder Freunde schwer erkrankt sind oder andere Sorgen drücken: Wir dürfen die Lebensfreude nicht wegsperren! Sie ist Ausdruck des Glaubens, d.h. unseres Vertrauens in Gott, in dem das Leben von uns allen in guten Händen ist. 

Seit einigen Jahren gibt es in unserem Land, also weit über unser Vereinsleben und über Bocholt hinaus ein Thema, über das sich offenbar viele Menschen Gedanken machen und darüber sprechen – mit Freunden, Arbeitskollegen und Bekannten, in politisch orientierten Kreisen und auch in unserer Kirche. Es ist das Thema Heimat. In der Bundesregierung gibt es seit Neuestem sogar einen Heimatminister. Eine große Illustrierte hatte vor einigen Wochen eine Titelgeschichte zu diesem Thema. Worum geht es da? Es geht um Identität. Unser Land ist auf der Suche nach sich selbst. Was gibt uns Identität? Was ist uns Heimat? 

Viele ‚Auslöser‘ haben offenbar zu diesen Fragen geführt, z.B. die Folgen der Globalisierung für alle Lebensvollzüge. Die atemberaubenden weltweiten Kommunikationsmöglichkeiten und der Datenvernetzung. Der Verlust von bisher vertrauten Lebensräumen durch die Konzentration von Wirtschaftsunternehmen, Verbände und Gemeinschaften, nicht zuletzt auch der Kirchen. Die Auflösung von Milieus: Ist Deutschland noch ein christliches Land? Dann insbesondere die gefühlte Wahrnehmung von Überfremdung durch die Zuwanderung von Ausländern und Migranten. Man könnte einmal zugespitzt und böse fragen: Ist Heimat der Ort, an dem es möglichst wenig Ausländer gibt? Viele Menschen haben offenbar das Bedürfnis, angesichts von zunehmender Individualisierung und Digitalisierung das Gemeinschaftsgefühl in Gesellschaft und Staat zu stärken. 

Das sind nur einige Schlagworte – hingeworfen in einer kurzen Predigt. Heimat – das ist ein gutes deutsches Wort. Es lässt sich schwer in andere Sprachen übersetzen, weil es viel mehr bedeutet als der Ort, an dem man das Licht der Welt erblickt hat. Identität ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Jeder Mensch hat einen Namen und definiert sich zu einem guten Teil von seiner Herkunft – sei es die Familie, die Nationalität, die Kultur oder ein bestimmtes Wertesystem. Und Menschen kämpfen, wenn sie sich in ihrer Identität bedroht fühlen. Wenn ich dieses große Thema einmal herunterbreche in unsere kleine Schützenwelt, dann glaube ich, dass es in Spuren auch uns berührt im Miteinander unseres Vereinslebens. 

In manchen Schützenvereinen, die ich in meinem kirchlichen Leben kennengelernt habe, gab es eine Art Leitwort, das sich der Verein wie ein Wappenspruch auf die Fahne geschrieben hat: Glaube – Sitte – Heimat , lautete z.B. ein gängiges Motto. Mich haben solche Sprüche immer abgeschreckt. Wenn ich das las, dann spürte ich einen gewissen Mief in meiner Nase. Das war der Mief des Hinterwaldes, der nicht nur am Dorfrand stand. Es war der Mief der Provinz. Martin Walser, ein bekannter deutscher Schriftsteller, hat vor einem halben Jahrhundert gesagt: Heimat sei der schönste Name für die Zurückgebliebenen. Heute, 50 Jahre später, verhält es sich genau umgekehrt. Und ich finde, dass man das in einigen Spuren auch hier vor 

Ort entdecken kann, z. B. im gelebten Miteinander einiger Schützenvereine in und um Bocholt. Unsere Heimatzeitung, das BBV, berichtet großzügig und ausgiebig über das Schützenwesen in unserer Stadt und in der Umgebung. Das ist aller Anerkennung wert. Einige unserer Mitglieder und Offiziere sind zugleich Mitglied in diesen Nachbarvereinen und feiern tüchtig mit. Was sie erzählen, sollte uns aufhorchen lassen: Man erlebt dort eine große Anteilnahme und Freude nicht nur am gemeinsamen Feiern, sondern ein ebenso starkes Engagement vieler Mitglieder für den Erhalt des Vereins. Und viele, viele noch ganz junge Schützenmitglieder sieht man in ihren Reihen. 

Ich möchte das nicht nur schönreden. Ganz sicher wird man beim genauen Hinsehen auch viele Grautöne ausmachen, Halbherzigkeiten und Desinteresse. Doch der erste Eindruck bleibt: Diese Vereine haben eine Ausstrahlung und Anziehungskraft, die sich auf das Miteinander auswirkt. Sie haben so etwas wie ein „Wir-Gefühl“. Wenn ich das höre, dann glaube ich, dass da etwas mitschwingt, das mit dem Empfinden von Identität zu tun hat, mit Heimat! Denn was ist Identität? Da gibt es eine einfache Antwort: Naja das, was man eben ist. Und es gibt eine komplexere, vielleicht auch wahrhaftigere Antwort: Identität ist etwas, was sich ständig verändert, was Spannungen aufbaut und abbaut, was Gegensätze versammelt. Ich meine, davon könnten wir etwas gebrauchen, ein starkes „Wir-Gefühl“. Wenn wir uns z.B. fragen: Wie sieht es denn aus mit der Identität in unserem Verein? Bedeutet der Georgius-Schützenverein für mich ein Stück Heimat? Gehört er zu meiner Identität? 

Unser St. Georgius-Schützenverein steht auf den ersten Blick gesehen gut da. Wir haben immer noch eine beachtliche Zahl an Mitgliedern, und jedes Jahr gibt es erfreulicherweise auch Zuwächse. Wir haben einen zupackenden Präsidenten mit einem engagierten Vorstand und, was besonders zählt: ein schlagkräftiges Offizierscorps. In den vergangenen Jahren ist es uns immer noch gelungen, einen strahlenden König auf den Schild zu heben – ich gebe zu: manchmal mussten wir mit etwas Morphin und anderem Kaliber nachhelfen… Doch wer in den zurückliegenden Jahren treu mitgefeiert hat, der konnte nicht übersehen, dass uns über weite Strecken die Leidenschaft am 

Miteinander abhandengekommen ist, von einigen Ausnahmen einmal abgesehen. Vielleicht hat es mit der bedrückenden Leidenschaft im wörtlichen Sinn zu tun, die uns unser geschichtsträchtiges Schützenhaus aufgebürdet hat: die bange Frage, die auch heute noch, wie man tagein, tagaus in der Zeitung lesen kann, nicht befriedigend beantwortet ist: Was wird aus unserer vermeintlichen Heimat, dem Schützenhaus? Ich habe mich schon oft gefragt: Haben wir uns an dieser Frage nicht viel zu lange festgebissen, uns zu lange davon bedrücken lassen, so dass uns, ohne dass wir es merkten, die Freude am Miteinander und die Feierlaune ein gutes Stück abhandengekommen ist? Ist das Schützenhaus an der Kaiser-Wilhelm-Straße unsere Heimat? Ich glaube das nicht. Und viele Mitglieder unseres Vereins glauben das schon lange nicht. In anderer Weise ist es richtig: 

Das Schützenhaus ist ein Abbild der Heimat in unserer Stadt. So, wie andere Traditionsgebäude in Bocholt es auch sind, die man nicht nur erhalten, sondern aufwendig umgestaltet hat, etwa zu Museen oder Bildungseinrichtungen. Daher empfinde ich es als großen Jammer, dass viele Bocholter und vor allem die für das städtische Leben Verantwortlichen davon offenbar wenig Ahnung haben. In der Bocholter Zeitung konnte man meines Wissens noch nie etwas lesen, was dieses Haus für eine Geschichte hat und welchen Stellenwert es für das gesellschaftliche und kulturelle Leben der Bürger in unserer Stadt einmal hatte – bis in die jüngste Vergangenheit hinein! Man kann nur hoffen und wünschen, dass es am Ende gut ausgehen wird und dieses Haus mit Hilfe vieler Interessengruppen eines guten Tages wieder aufersteht. 

Aber die Heimat unseres Vereins, liebe Georgius-Schützenfamilie, die liegt ganz wo anders: die liegt inmitten von uns allen! Heimat ist da, wo man sich angenommen fühlt wie man ist. Wo man sich nicht herausputzen muss und, wie es jemand einmal so schön gesagt hat, wo man doof sein kann und trotzdem gemocht wird. Heimat ist da, wo einer den anderen begeistert und mitreißt und gemeinsam die abenteuerlichsten Dinge unternimmt. Heimat ist da, wo ich mich in meinen besten Möglichkeiten herausgefordert und bestätigt fühle. Heimat ist da, wo man nach einer durchzechten Nacht immer noch Durst hat und wo die Sehnsucht nach 

den gelebten und den erlebten Erinnerungen nicht zu stillen ist. So könnte ich noch lange fortfahren … 

Gebe Gott, dass unsere Schützenheimat niemals ein Fall fürs Heimatmuseum wird, in staubigen Vitrinen für die Nachwelt konserviert. Gebe Gott, dass wir lebendig bleiben mit einer großen Freude im Herzen, einer Freude am Wiedersehen, so wie jetzt in diesen Schützenfesttagen, der Freude an einigen ausgelassenen Stunden und Tagen mitten in unserem oft so beschwerten Leben und nicht zuletzt der Freude daran, ein lebendiger Teil der großen Vereinsgeschichte in Bocholt zu sein. 

Amen.